HochbegabungLiselotte Ueberall / Wiltrud Moßner-Glatzer
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Über besonders begabte Schüler, sog. "Hochbegabte", wird seit einiger Zeit vermehrt in den verschiedenen Medien berichtet und diskutiert. Es ist auch bekannt, dass sich mittlerweile eine Anzahl von Vereinen und anderweitigen Gruppierungen gebildet hat mit dem Ziel der Interessenvertretung und Förderung dieser jungen Menschen. Bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatte sich in Deutschland der Psychologe William Stern (1871 - 1938) sehr intensiv mit dem Thema Hochbegabung praktisch und theoretisch befasst. Wichtig war ihm dabei die gegenseitige Verpflichtung von Gesellschaft und Individuum: einerseits Förderung zu bieten, andererseits das durch Förderung Erreichte der Allgemeinheit wieder zugute kommen zu lassen. Ein anderer wichtiger Name im Zusammenhang mit der Hochbegabungsforschung ist der des Amerikaners L. M. Terman. Seine in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts begonnene und über Jahrzehnte fortgeführte berühmte Langsschnittstudie an Schülern dürfte als das bahnbrechende Ereignis in der Hochbegabungsforschung gelten. 1. Versuch einer BegriffsdefinitionEine allgemein verbindliche Definition der Hochbegabung gibt es nicht. Dessen ungeachtet existieren aber im Zusammenhang mit der Forschung in diesem Bereich verschiedene Formulierungen bzw. Modelle. Sie können an dieser Stelle der Umfänglichkeit halber nicht einmal kurzgefasst dargestellt und es muss auf die entsprechende Literatur verwiesen werden. Um dennoch eine Umschreibung des kontrovers diskutierten Konstruktes zu geben, einiges Beispielhafte. So sah W. Stern Hochbegabung nicht als rein biologisch determinierte hohe Intelligenz, die sich in exzeptionellen Leistungen widerspiegelt. Für ihn war "Intelligenz" ..."die allgemeine Fähigkeit eines Individuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen", eine "allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens". Er unterschied zwischen der "Intelligenz" als "Allgemeinbegabung" und den "Spezial- oder Sonderbegabungen" ("Talent") , siehe dazu auch die angelsächsischen Begriffe "gifted" und "talented". Rost formulierte es 1998 so: "Hochbegabung ist ein wenig präzises Konzept (umfassende Information: Heller, Mönks & Passow, 1993) . Manche verwenden für Hochbegabung synonym diejenigen Begriffe, mit denen andere wiederum Bedeutungsnuancen ausdrücken". So verwendet die Intelligenz- bzw. die Hochbegabungs-Forschung die Begriffe "Intelligenz" und "Begabung" z.T. nicht synonym. Als eine operationale Definition gilt, nach Rost (1998),
"für Hochbegabung die Ausprägung kognitiver Merkmale (i.d.R.
Intelligenz) in Relation zum Populationsdurchschnitt zu betrachten und
hier einen Bereich festzulegen, der mindestens zwei Standardabweichungen
über dem Mittelwert liegt Eine weit überdurchschnittliche Ausprägung in einem oder mehreren der folgenden Bereiche deutet auf eine Hochbegabung hin. In Verbindung mit Kreativität, z.B. in der Form von Einfallsreichtum, Originalität der Ideen, Flexibilität des Denkens und Ausdrucksvermögen, dazu auch gezielter Interessenverfolgung und beharrlichem Einsatz können dann Hoch- und Spitzenleistungen entstehen. Dies alles bedarf jedoch gedeihlicher Umweltbedingungen. Denn: ganz aus sich heraus, also ohne Unterstützung durch das persönliche Umfeld sind potentiell Hochbegabte nicht automatisch erfolgreich. Dies wurde zwar von der Forschung im Verlaufe anerkannt und ging in die verschiedenen Theorien ein. In der Vorstellung des Laien hat diese Tatsache aber noch nicht allenthalben Fuß gefasst. In der Hochbegabungsforschung ist man zu einer Einteilung in verschiedene relevante Bereiche gekommen, mit denen die nachfolgende Darstellung überwiegend in Übereinstimmung steht. Innerhalb dieser Bereiche finden sich bestimmte Merkmale/Indikatoren, die Orientierungshilfe beim Identifizieren Hochbegabter geben können. Intellektuelle Begabung Soziale Begabung Künstlerische Begabung Psychomotorische Begabung Technische Begabung Praktische Begabung Im Grunde genommen entspricht eine solche Bereichsbildung innerhalb des Konstrukts Hochbegabung einer Schwerpunktbildung, die auch Überlappungen und Verschmelzungen beinhalten kann. Es gibt eine Reihe solcher Darstellungen, die ähnlich oder aber auch sehr speziell aufgebaut sind. 2. Intelligenz und Hochbegabung: wie erkennt man sie?Traditionell wird die Hochbegabung durch einen Intelligenztest festgestellt. Wie u.a. Stapf ausführt, sind dazu manche Verfahren geeigneter als andere, da die Intelligenztests von verschiedenen Intelligenztheorien ausgehen und deshalb auch verschieden aufgebaut sind. Vorrangig wird in den Intelligenztests die analytische Intelligenz abgeschätzt. Weiterhin gehört das Überprüfen von Begabungsschwerpunkten und das Erfassen der persönlichen Entwicklung vermittels Anamnese- und Explorationsmethoden dazu. 3. Hochbegabte Kinder im SchulbereichIm Schulbereich steht die intellektuelle Begabung im Mittelpunkt. Die Untersuchungsergebnisse von Rost legen nahe, dass die meisten hoch begabten Schüler die Schule völlig unauffällig durchlaufen. Es gibt jedoch auch hoch begabte Schüler, die verhaltensauffällig werden. Dies kann durch eine permanente Unterforderung verursacht sein, jedoch auch andere Ursachen haben, wie z.B. eine Verbindung der Hochbegabung mit Lese-Rechtschreibschwäche, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (mit oder ohne Hyperaktivität) oder einer Rechenschwäche. Für hoch begabte Schüler bietet der Schulbereich wenig Freiraum, der ihrer schnellen Auffassungsgabe, ihrer guten Gedächtnisleistung, ihrem ständigen Hinterfragen von vorgegebenen Reproduktionsleistungen und ihren vernetzenden Denkstrukturen gerecht würde. So kann es kaum verwundern, dass auch hochbegabte Kinder schlechte Zensuren haben können, immer wieder vorzeitig abgehen, ja sogar in Förderschulen umgeschult werden. 4. Förderung von hochbegabten Kindern im Vorschul- und SchulbereichÜbereinstimmend wird darauf hingewiesen, dass die geistige Unterforderung hochbegabter Kinder zu Verhaltensauffälligkeiten führen kann. Es kann zu seelischen Störungen und Behinderungen kommen, die sich z.B. bei Jungen häufiger in starker motorischer Unruhe und Aggressivität äußern, während bei Mädchen häufiger depressive Resignation und Sich-Zurückziehen als Reaktionen auftreten können. Suizidgefährdung kann im Extremfall für beide bestehen. Wie auch bei anderen Schulschwierigkeiten, wird das Elternhaus und die Beziehung zwischen Eltern und Kind dabei extrem belastet. Der Versuch, durch Kurse am Nachmittag und das Zusammentreffen mit anderen hochbegabten Kindern "geistiges Futter" heranzuschaffen, stellt für viele Eltern einen hohen zusätzlichen zeitlichen Aufwand dar, dem nicht alle entsprechen können. (Auch ist damit das Problem der permanenten Unterforderung im Unterricht nicht gelöst.) Es ist also notwendig, dass hochbegabte Kinder in der Schule eine ihnen entsprechende Förderung erhalten, damit sie ihre Andersartigkeit und Besonderheit auch positiv begreifen und entwickeln können.
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