Umgang mit autistischen Kindern

Zitate von Gerda Thieme ©

Neue Denkdimensionen:

"Die Schwierigkeiten eines autistischen Kindes liegen völlig außerhalb des bisherigen Vorstellungsvermögens Außenstehender. Es ist notwendig, eine neue Denkdimension zu entwickeln, wenn man diesen Kindern überhaupt gerecht werden will. Wer mit autistischen Kindern umgeht, sollte eine Vorstellung davon haben, was es heißt, Informationen aufzunehmen, mit denen man nichts anfangen kann, Sprache also nur ausschnittweise zu verstehen und die in einem selbst und in der Umwelt liegenden Möglichkeiten nur bedingt zu entdecken."


Persönlichkeitsentfaltung:

"Bei der Förderung autistischen Kinder geht es nicht um das Erreichen eines vorausbestimmten Leistungsziels, sondern um die Erziehung, Entfaltung und Eingliederung eines gestörten Menschenkindes."


Gemeinschaftsfähigkeit - nicht Voraussetzung, sondern Ziel:

"Autistische Kinder werden nicht von selbst gemeinschaftsfähig, wie sie überhaupt vieles nicht von selbst, sondern nur durch Hilfe von außen erlernen. Am Anfang steht die Entwicklung einer Beziehung zur Bezugsperson. Erst wenn diese gesichert ist, kann ein Überleiten zu weiteren Partnern erfolgen. Es sollte nicht versucht werden, eine neue Beziehung übergangslos herzustellen oder die Verbindung zur Bezugsperson zu zerstören. Man entzieht dem autistischen Kind dadurch jede Beziehungsgrundlage. Bei einer notwendigen Trennung sollte eine Bezugsperson auch nicht einfach aus dem Leben des autistischen Kindes verschwinden, weil es dadurch sehr verunsichert werden kann, sondern die Verbindung sollte nach und nach gelöst werden.Bei einer späteren möglichen Eingliederung in die Gemeinschaft muss ein vertrauter Partner so lange Mittelpunkt bleiben, bis neue Kontakte entwickelt werden konnten."


Führungshilfen:

"Abweichend von bisherigen pädagogischen Grundsätzen kann man nicht abwarten, was das autistische Kind tut, um sich dann einzuschalten. 

Ohne Hilfe von außen bleibt das autistische Kind in Stereotypien stecken. Man muss aktiv und unmittelbar die Führung des Kindes übernehmen, solange dies notwendig erscheint und das Kind es geschehen lässt. So sammelt es durch Anregungen von außen spürbare Erfahrungen, die es von selbst nicht machen würde.

Wenn das Kind älter geworden ist und gelernt hat zu handeln, können Schwierigkeiten dadurch entstehen, dass es sich nicht entscheiden oder sich aus einer bestehenden Situation nicht lösen kann. Manche Kinder zeigen z. B. Angst beim Betreten eines neuen Raumes (Schwellenangst). Es genügt vielleicht schon, wenn man das Kind an die Hand nimmt und über die Schwelle führt. Oder das Kind kann sich nicht entscheiden, welche Wurstsorte es wählen soll. Man kann durch Hinweisen, Ansprechen oder durch Konsequenz eine Entscheidung herbeiführen. Solche Situationen belasten das autistische Kind sehr und man muss ihm helfen, damit es sicherer wird.

Andere Schwierigkeiten können auftreten, weil das Kind Veränderungen im Raum bemerkt und nicht mehr genau weiß, wie die frühere Stellung des veränderten Gegenstandes aussah. Das Kind kann in Panik geraten. Man kann helfen, indem man den kritischen Gegenstand so verschwinden lässt, dass das Kind dies nicht bemerkt. Ein Kleid wird aus dem Kleiderschrank genommen, das Kind weiß nicht mehr, wo es gehangen hat. Es probiert und probiert und wird immer erregter. Auch hier sollte das Kleid verschwinden oder der Schrank verschlossen werden.

Solche Hilfen sollten spontan geschehen, bevor das Kind sich in eine hochgradige Erregung hineingesteigert hat.

Mit zunehmendem Bewusstsein können registrierte Veränderungen das Kind auch in der Vorstellung quälen. Wenn der Erzieher dies rechtzeitig bemerkt, kann er es vor Schwierigkeiten bewahren, wenn er das Störende sofort in Ordnung bringt und das Kind sich von der wiederhergestellten Ordnung überzeugen kann. Natürlich kann man es die Sache auch selbst zurechtrücken lassen, wenn ihm dies möglich ist. Unter Umständen führt dies aber zu einer Verstärkung des Verhaltens. Bei richtiger Erziehungshaltung und dem Versuch, eine Verstärkung zu verhindern, lassen sich solche Schwierigkeiten in ähnlicher Weise abbauen."


Behinderung mit eigenen Gesetzen:

"Der kindliche Autismus ist eine fundamentale Behinderung. Die Ursache ist bisher nicht bekannt, so dass man die Schwierigkeiten nur aus der gestörten Entwicklung ableiten kann. Medizinische Hilfen sind nur bei bestimmten Auswirkungen möglich (Angst, Unruhe, Schlafstörungen), wobei man nach bisherigen Erfahrungen Dämpfungsmittel vermeiden sollte, da sie das autistische Kind vermutlich zentral völlig blockieren.

Eine Heilung ist z. Zt. bei einer einmal voll zum Tragen gekommenen Erkrankung nicht möglich, aber durch Erziehung kann man den Autismus mehr oder weniger überdecken, so dass das Kind unauffällig wird.

Unterschwellig entwickelt sich der Autismus dennoch entsprechend dem Älterwerden und damit der zunehmenden Reifung des Kindes nach eigenen Gesetzen weiter."


Seelische Überforderung:

"Das autistische Kind ist sensibel und verletzlich. Es hat unerhört feine Antennen und spürt stärker als jeder andere Mensch, wie man ihm begegnet. Auf Ablehnung reagiert es mit verstärktem Fehlverhalten, unter Umständen sogar so, wie der Außenstehende es erwartet hat.

Eine seelische Überforderung kann zu einem schweren Krankheitsdurchbruch führen, der nur durch eine völlig darauf ausgerichtete Erziehungshaltung wieder eingedämmt werden kann. Während des akuten Krankheitsdurchbruchs kann der Eindruck entstehen, dass alle bisherigen Erziehungserfolge untergegangen sind, was ein Trugschluss ist und nicht beirren sollte. Jede seelische Überforderung wird die fundamentale Angst des autistischen Kindes hochspülen.

Aggressionen sind Ausdruck verdrängter Angst. Man darf sie nicht hinnehmen, sondern muss sich ihnen stellen, während man bei offener Angst alles vermeiden muss, was diese verstärkt (Beseitigung aller Dinge, die das Kind im akuten Stadium stören bei gleichzeitigem Versuch, an einer dem Kind im Augenblick nicht wichtigen Stelle die Routine zu durchbrechen).
Durch Aggressionen reagiert das autistische Kind Spannungen nicht ab, sondern sie verstärken sich in sich selbst, um dann genauso plötzlich zu enden, wie sie begonnen haben. Man sollte bereits die ersten Anzeichen einer solchen Erregung aufzufangen versuchen, da das Kind während des Aggressionsausbruchs nicht mehr ansprechbar ist.

Bei jeder Handlung sollte man sich über die Auswirkungen beim Kind klar sein und abwägen, ob sie angesichts der augenblicklichen Krise angebracht ist. Es ist besser, Schwierigkeiten vorzubeugen, als nachgeben zu müssen."


Negative Informationen:

"Autistische Kinder lernen mit der Zeit, aufgenommene Informationen zu verstehen. Sie können dann aber nicht zwischen guten und schlechten Informationen unterscheiden, was eine große Gefahr in sich birgt. Bei der Erziehungshaltung muss man dies berücksichtigen, insbesondere, wenn das Kind durch das Training sehr stark auf Nachahmung ausgerichtet ist.

Wird es z. B. beim Unterricht gekniffen, geboxt oder unbeherrscht behandelt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn es dieses Verhalten übernimmt, also "lernt" und seinerseits anwendet, wenn es sich ärgert. Es hat so durch die Unüberlegtheit eines "normalen Menschen" negative Äußerungen generalisiert, die ihm und seiner Umgebung sehr schaden können, weil das Kind sich nicht in der Kontrolle hat und auch keinen Überblick über die Folgen seiner Handlungen besitzen kann. Es kann daher nicht genug davor gewarnt werden, autistische Kinder unter Druck zu setzen oder sie falsch zu behandeln."


Ausstrahlungen:

"Autistische Kinder, die sich verstanden und angenommen wissen und sich in einer angepassten Umgebung befinden, haben starke Ausstrahlungen. In einer für sie günstigen Situation sind sie fröhlich, aufgeschlossen und prägen die Atmosphäre. Sie vermitteln dann etwas Beglückendes, was auch Außenstehende bei einer Begegnung empfinden. Sie haben es gern "gemütlich" und wirken auf ihre Weise mit, wobei dann in der Luft etwas Besonderes mitschwingt, das sich nicht durch Worte ausdrücken lässt."


Bildungsanspruch:

"Autistische Kinder sind bildungsfähig. Sie haben das gleiche Recht auf einen ihren Schwierigkeiten angepassten Unterricht wie jedes andere Kind auch. Man hat bisher Sprache und Gemeinschaftsfähigkeit als Voraussetzung für einen Schulbesuch angesehen. Autistische Kinder beweisen, dass auch diese Fähigkeiten nicht selbstverständlich, aber erlernbar sind. Diese Erkenntnis fordert eine neue Auslegung des Bildungsbegriffs. Insbesondere muss der Nachholbedarf durch die bisher nicht gewährte Förderung den Möglichkeiten anderer Behinderungen angepasst werden. Man kann autistische Kinder und ihre Familien nicht entgelten lassen, dass man über diese Behinderung bisher so wenig weiß oder eine Hilfe von irgendwelchen noch nicht vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen abhängig machen. Diese Kinder sind da, sie brauchen Hilfe und diese muss ihnen jetzt gewährt werden."


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letztes Update: 06.01.2005

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