"Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher
Boone" öffnen die verschlossene Tür zu einer "anderen"
Daseinsform.
Christopher Boone ist 15 Jahre, drei Monate und zwei Tage alt, und wenn
er wissen will, wie andere Menschen sich fühlen, dann muss er sich
einen Zettel mit Smiley-Darstellungen ins Gedächtnis rufen, den
ihm eine Lehrerin einst zusteckte. Heruntergezogene Mundwinkel - sein
Gegenüber ist traurig. Hochgezogene Mundwinkel - sein Gegenüber
freut sich. Christopher Boone ist Asperger-Autist, und das macht das
Leben bisweilen unübersichtlich.
"Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des
Christopher Boone" ist der erste Roman des englischen Drehbuchschreibers
und Kinderbuchautors Mark Haddon, und man muss sagen: Der Mann hat
sich kein leichtes Thema ausgesucht. Seine Hauptfigur gehört
zu jener kleinen Gruppe von Autisten, die auf den ersten Blick funktionieren
wie jeder andere Mensch auch. Erst auf den zweiten offenbaren sich
ihre Defizite: die Unfähigkeit, Gesichter zu deuten; der Zwang
zu stereotypen Handlungen; die Angst vor unbekannten Situationen;
das zähe Festhalten an einem einmal eingeübten Ritual.
Haddon hält sich klugerweise nicht damit auf,
die Weltsicht eines Autisten erklären zu wollen. Er lässt
Christopher Boone selber zu Wort kommen. Er lässt ihn erzählen
von jenem schrecklichen Tag, als er den Hund der Nachbarin tot im
Garten fand und beschloss, Detektiv zu werden. Von den unverständlichen
Wutanfällen des Vaters, der wenig hält von dieser Idee.
Von den Angst machenden Begegnungen mit den Nachbarn, von verwirrenden
Schulbesuchen und schließlich von jener Fahrt nach London, die
Christophers ganzes Leben verändern soll.
Mehr und mehr wird der Leser hineingezogen in die
Gedanken des Alleine-Menschen, der anders tickt und dennoch klarkommen
muss in einer Gesellschaft, die ihm so fremd ist wie uns Herdenmenschen
das Gemeinwesen der Feuerameisen. Wir begreifen, wie laut eine Welt
sein kann, die ungefiltert einen wehrlosen Geist überschwemmt.
Wie Schrecken erregend das Einfahren eines Zuges in einen U-BahnSchacht
ist. Wie unangenehm es ist, wenn die Speisen auf dem Teller einander
berühren und damit "unessbar" werden. Meisterhaft schildert
Haddon die Ängste und Winkelzüge seines autistischen Protagonisten,
ohne dabei jemals in Gefahr des Voyeurismus zu geraten. Doch er vergisst
auch die "Gegenseite nicht. Gefiltert durch die Wahrnehmung Christophers
erfahren wir etwas über die Probleme des Zusammenlebens mit einem
Autisten. Die Mutter hat vor den Schwierigkeiten kapituliert, schon
vor Jahren hat sie die Familie verlassen. Auch der Vater, obwohl wesentlich
geduldiger, ist häufig überfordert mit dem Betragen seines
sonderbaren Sohnes.
Mark Haddons Debüt als Romancier ist sicher keine
Lektüre für jedermann. Aber das hervorragend geschriebene,
witzige Buch ermöglicht dem Leser den Zugang zu einer verschlossenen
Welt.
Quelle: Kölner Stadtanzeiger
Das "etwas andere" Autismus-Buch.
Bücher über Autismus gibt es viele.
Dies ist kein Buch "über" Autismus sondern "mit"
Autismus.
Noch nie wurde die Gedankenwelt und das Erleben eines Jugendlichen
mit Asperger-Syndrom so anschaulich.
Christopher ist hochintelligent und dennoch
auf einer Sonderschule.
Er versteht die kompliziertesten mathematischen und physikalischen
Gesetze, nicht jedoch die Gesetze des miteinander Lebens.
Mark Haddon lässt seinen Christopher erzählen.
Einfach so.
Und das in einer wirklich spannenden, originellen und witzigen Art.
Wer wissen möchte, wie autistische Kinder denken ... hier kann
man sich einfühlen und nacherleben.
Hannelore Gerner
hier gibt es auch weitere Rezensionen
und Leseproben
|