Tony Attwood in Magdeburg

persönlicher Rückblick auf die Tagung am 1. Juni 2002

© Hannelore Gerner


Tony Attwood in Deutschland! Dafür konnte man schon eine lange Fahrt auf sich nehmen. Für mich hat es sich gelohnt.

Eigentlich hätte ich viel mehr mitschreiben müssen, aber er selber war in seiner Art, vorzutragen, für mich auch faszinierend, so dass ich das Schreiben häufig vergessen hatte. Ich empfand ihn als sehr charismatisch, als witzig und vor allem erfrischend locker.

"Menschen mit Asperger-Syndrom sind anders und man muss wissen, wie man mit ihnen umzugehen hat, sie bereichern unser Leben!"

Kein einziges Mal das Wort "Behinderung". Trotzdem, auch wenn sich das hier jetzt so nach "Herunterspielen eines Problems" liest, genau das tut er ja nicht, er nimmt alles sehr ernst, er nimmt die Schwierigkeiten ernst, er hat Verständnis, er erklärt, und er nimmt die Menschen mit AS sehr ernst, er hört auf sie.

Wenn ich richtig verstanden habe, dann hat er sich vor 30 Jahren auf Autismus und AS spezialisiert und inzwischen mehrere tausend Menschen mit AS kennen gelernt. Er ist der Meinung, dass sich auch hier Ärzte speziell auf AS konzentrieren sollten. Wenn man 4 oder 5 Kinder gesehen hat, und es kommt ein weiteres, welches nun im Verhalten oder in den Symptomen abweicht, dann kann es passieren, dass die Diagnose ausfällt: "Er hat kein AS, weil er sich von den ersten unterscheidet". Attwood meint, man sollte als Experte mindestens 200 Kinder gesehen haben.


Zum Asperger-Syndrom:

Attwood unterscheidet in zwei spezielle Arten von Menschen: NTs (Neurologisch Typische - also wir) und Aspies. Laut Attwood liegen die Unterschiede zwischen NTs und Aspies im Denken. Zitat:

Die einen sind emotional gesteuert und lernen durch Intuition, die anderen sind logisch gesteuert und lernen durch Instruktion.

Sie sind "mind blind", erkennen also soziale Signale nicht und sind daher unsicher über Verhaltensregeln, weshalb sie dann irgendwann auffällig werden. (Typisch ist ihre Angst, etwas falsch zu machen oder etwas Falsches zu sagen, sie tun oder sagen dann lieber gar nichts) Wir NTs haben eine eingebaute "Menschen-Taxonomie", Menschen mit AS nicht, sie erkennen deutliche "schwarz-weiß-Kontraste" (Ursache: andere Gehirnfunktion) Aspies können soziale Verhaltensweisen lernen, aber sie müssen dazu angeleitet werden. Das ist anstrengend, dauert, es ermattet sie und ist für sie frustrierend. Schwer ist es für sie auch, Gedanken in Worte zu fassen, etwas zu erklären, auch wenn sie gut sprechen können. Das erschwert auch das Verständnis zwischen ihnen und uns. Zitat:

Unser Lebensmuster wird von NTs aufgrund von Emotionen erstellt. Wer Emotionen nicht versteht, versteht das Lebensmuster nicht.

Deshalb benötigen sie Tabellen, Listen, Kataloge, um sich zurechtzufinden, das entspricht ihrem logischen Denken.


Natürlich beschrieb er auch die verschiedenen Überempfindlichkeiten in den Sinnen, die motorische Ungeschicklichkeit, den Zwang, einmal Begonnenes abzuschließen, die totale Übererregtheit und auch das mögliche Einfrieren.

Menschen mit Asperger Syndrom merken, dass sie anders als NTs sind. Sie möchten in manchen Dingen so sein wie wir und merken, dass sie nicht so sein können. Sie leiden häufig sehr darunter und auch deshalb haben viele ein so schweres Leben mit Ängsten, Selbstzweifeln, Depressionen usw.

Attwood wertet die Verschiedenheiten nicht als Mangel oder Behinderung. Er sagt, wir brauchen beide Menschen-Typen, denn gerade die logisch gesteuerten Aspies sind die, die tüfteln, die Erfindungen machen, die die Technik weiterbringen. Er nannte sehr erfolgreiche Menschen, die sicherlich AS oder Züge von AS (gehabt) haben, natürlich u.a. Einstein und Bill Gates. Und er führte das Zitat von Temple Grandin an:

"Wenn alle Menschen NTs wären, dann säßen wir heute immer noch in Höhlen, aber wir würden den ganzen Tag miteinander darüber reden."


Was er alles über Diagnosefindung gesprochen hat, wann, in welchem Lebensalter oder in welcher Lebens-Situation sie stattfinden kann, will ich jetzt hier nicht wiedergeben, obwohl seine Beispiele sehr spannend waren.
Für mich war aber wichtig, dass er anführte, die Kriterien nach ICD-10 bzw. DSM IV Abschnitt D:

"Es existiert keine klinisch bedeutsame allgemeine Sprachverzögerung (z.B. spricht der Betroffene im Alter von zwei Jahren einzelne Worte und benutzt im Alter von drei Jahren kommunikative Redewendungen)."
und Abschnitt E: "Es existiert keine klinisch bedeutsame Verzögerung in der kognitiven Entwicklung oder in der Entwicklung altersgemäßen Fähigkeiten zur Selbsthilfe, im anpassungsfähigen Verhalten (anders als in der sozialen Interaktion) und bei der Wißbegierde in Bezug auf das Umfeld in der Kindheit."
sind seiner Erfahrung nach so nicht zutreffend. Er halte sich lieber an die Kriterien von Gillberg.


Für Eltern war ein sehr wichtiger Punkt:

"Wie und wann spreche ich mit meinem Kind darüber, dass es AS hat?"

Man sollte das in dem Moment tun, wenn das Kind bemerkt, dass es anders als die anderen ist.
Er schlug vor, dass man mit dem Kind Listen macht, von verschiedenen Personen, was an ihnen gut ist, und was nicht so gut ist. Mutter, Onkel, Bruder, Lehrer und so weiter, schließlich das Kind selber. Dann mit ihm darüber sprechen, was es gut kann (jeden kleinen Fehler sofort merken, toll rechnen, sein Spezial-Wissen usw.) Und dann der Part, der nicht so gut ist. Attwood sagt, das Kind weiß das meistens selber, was es nicht so gut kann. Dann sagen, "Schau, es gibt noch mehr Kinder, die das nicht so gut können, ein Mann namens Hans Asperger hat das herausgefunden und ihm zu Ehren nennen wir es nun das 'Asperger-Syndrom' ". Dann fand er ganz wichtig dem Kind zu sagen, was das bedeutet, und es positiv aufzubauen. Er machte es folgendermaßen:

Ich gratuliere dir, dass du AS hast. <an dieser Stelle lachte das Publikum etwas>
Ja, denn das bedeutet:

  • Du bist nicht verrückt, du spinnst nicht
  • Du bist nicht böse, du bist kein schlechter Mensch
  • Du bist nicht dumm oder blöd

<alle diese Aussagen über sich hat das Kind mit Sicherheit schon gehört und macht sich darüber Gedanken>
Du hast AS (und daran bist du nicht schuld) und deshalb kannst du manches nicht erkennen (soziale Signale). Aber es gibt Kinder in deiner Klasse, die vielleicht ganz mühsam lesen lernten und es immer noch nicht konnten, als fast die ganze Klasse es schon konnte, und sie haben es dann doch gelernt und nun können sie Bücher lesen. Und so können wir dir beibringen "Menschen zu lesen".

<Ich finde diese Vorgehensweise sehr gut, die meisten Kinder haben Selbstzweifel und sind depressiv, auf diese Weise bekommen sie wieder Lebenswillen und Selbstvertrauen>


Ein weiteres Thema war die

"Gefühls-Erziehung"

Attwood sagt, die Kinder haben nicht "keine Emotionen" sondern sie haben zuviele davon und können sie nicht richtig einschätzen, nicht richtig managen und sie können auch unsere nicht richtig einschätzen. Sie wissen nicht, was es bedeutet, wenn wir sagen "Ich bin furchtbar traurig" wie schlimm das ist.

Er plädiert auch hier wieder für das Einsetzten von Tabellen oder Skalen. Für ein Aspie-Kind ist es einfacher zu verstehen, wenn ich ihm (bei einer Skala von 1 - 10) sage: "Wenn du dieses Wort benutzt macht mich das wütend Stufe 10." Und auch die eigenen Gefühle können sie über diese Skala besser einschätzen und bewerten lernen. Beispiel: Ein Junge sagte immer "ich bringe mich um" und die Mutter war sehr besorgt. Nachdem Attwood das Kind einige Zeit beobachtet hatte, war er der Meinung, der Junge habe keine Selbstmordabsichten. Deshalb ließ er ihn auf der Traurigkeitsskala (1-10) den Satz "ich bringe mich um" einordnen. Der Junge ordnete ihn nach 2. Das bedeutete, er hatte keine andere Vokabel für "ich bin traurig" sondern verwendete immer "ich bringe mich um" An der Skala konnte er mitteilen, wie traurig er war.

Ein weiteres Beispiel: Ein Junge hatte große Probleme mit der Anfertigung seiner Hausaufgaben. Attwood legte ihm ein Maßband auf den Boden und sagte ihm, er solle sich (Abstand jeweils 10 cm) auf den Platz stellen, der seinem Glück entspräche, wenn es keine Hausaufgaben gäbe. Der Junge lief weit über das Maßband hinaus bis in den nächsten Raum, um anzuzeigen, dass dann sein Glück wohl grenzenlos wäre.

Umgang mit Wut, Ärger, Aggression:

Für Attwood kann Wut bei einem AS-Kind ein Ausdruck von Depression sein. Die Anspannung, sich den ganzen Tag in der Schule anständig zu benehmen ("pretending to be normal") ist so groß, dass zuhause alles abfällt und Aggressionen auftreten können. (bei einigen nicht bei allen) Ein Kind habe dann z.B. immer seine kleine Schwester geschlagen. Auf die Frage "warum?" kam die Antwort, "ich bin traurig, und dann fühle ich mich besser". Es ging also darum, den Druck loszuwerden, es ging nicht um die Schwester. Deshalb sagt er, das Kind soll sich beruhigen, er empfiehlt Allein-Sein, Schaukeln, etwas drehen, etwas zerreißen, also den Druckabbau mit gesteuerten Mitteln vorzunehmen, Alternativen anzubieten. Zitat:

Beiß heftig in einen Apfel aber nicht in den Arm deiner kleinen Schwester

Als Therapie zur Verhaltensänderung empfiehlt Attwood eine "Kognitive Restrukturierung" also "Logische Verhaltenstherapie".
Er sagt, belohnen und bestrafen funktioniert nur bei einem Kind, dass bewusst zwischen zwei Verhaltensvarianten wählen kann. (Lass ich es sein und bekomme die Schokolade oder mach ich es doch und bekomme die Schokolade nicht?) AS-Kinder können das nicht, im Erregungszustand haben sie keine Varianten, sie können nicht bewusst ihr Verhalten steuern. (Anderes Funktionieren der Stirnlappen) Das "soziale Gehirn" funktioniert nicht. Der Entscheidungsfindungsprozess kann nicht stattfinden. Aus verschiedenen Emotionen (Neid, Trauer, Angst, Überforderung) wird Ärger oder Wut. Das Kind kann die auslösenden Faktoren nicht unterscheiden. Man muss herausfinden, woher die Wut, oder Verzweiflung kommt. Attwood spricht von "Emotionaler Inkontinenz". Negative Erfahrungen werden nicht weitergeleitet zum ausführenden Organ (Ausspruch eines Aspies: "Weinen funktioniert bei mir nicht, deshalb werde ich wütend") Eine Kontrolle der Emotionen kann nicht erfolgen. Wenn das Signal durchkommt, ist es dann ein sehr starkes Gefühl. Wir NTs denken uns manchmal "dem würde ich jetzt gerne ..." aber wir tun es nicht, weil wir eine Bremse haben. Das Aspie-Kind kann seine Gefühle nicht managen, es hat diese Bremse nicht. Es kommt zu einer Art "Anfall". Die Wut gibt einen "Kick". Sie fühlt sich gut an. Manche wissen nach solch einem "Anfall" auch nicht mehr, was sie gemacht haben, was überhaupt los war. Aber wenn man ihnen bewusst macht, was geschehen ist, was sie getan haben, dann wissen sie genau, dass sie das nicht sollten, sie sind betrübt, bedauern es ehrlich und wollen es auch nicht wieder tun, versprechen das auch, aber ... Attwood sagt, hier hilft keine Strafe. Zitat:

Logik verändert Verhalten, keine Bestrafung!

Wie gehe ich mit einem wütenden AS-Kind um?

  • Selber ganz ruhig bleiben, keine eigenen Emotion, die pusht zusätzlich
  • das Kind beruhigen, bis es wieder ganz "heruntergefahren" ist
  • nicht zuviel reden, reden schafft weitere Verwirrung, Verwirrung pusht wieder.

Wenn das Kind ruhig ist, logisch klären, was passiert ist und warum. Alles aufdröseln. Und wieder mit sichtbar Messbarem erklären.

Diese Kinder müssen Prioritäten sichtbar erfahren!

Beispiel: Ein Aspie-Kind wurde aus der Klasse verwiesen, obwohl es von einem anderen Kind provoziert wurde, weshalb es selber der Meinung war, der andere sei ja schuld gewesen, und alles sei so ungerecht. Es wird versucht, dem Kind klarzumachen, weshalb es trotzdem richtig war, es selber zu bestrafen und nicht den anderen. Als sichtbares Messmittel wurden Legosteine verwendet. Alle Beteiligten an der Situation wurden auf Zettel geschrieben. Für schlechtes Verhalten gibt es in der Bewertungs-Skala zwischen 1 und 6 Legos. <oder ähnlich>
Also: Peter hat dir Grimassen geschnitten - 1 Lego für Peter.
Hat der Lehrer das gemerkt? Nein - also auch 1 Lego für den Lehrer.
Was hast du gemacht? Nichts, ich hab gesagt, er soll aufhören!!! Ah, sehr gut!!! kein Lego für dich.
Was war dann? Peter hat es wieder gemacht? Was??? 2 Legos für Peter.
Hat der Lehrer gesagt, Peter soll aufhören? Nein, noch 2 Legos für den Lehrer
Und du? Zu Peter "du bescheuerter Blödmann gesagt" Also auch 1 Lego für dich.
Und dann? Dann hat Peter immer noch nicht aufgehört. Auweia! Noch 3 Legos für Peter. Und was hast du dann gemacht? Dann hab ich ihm kräftig eins auf die Nase gegeben!!!

Und dann hat Attwood dem Jungen 12 Legos gegeben! Um ihm bildhaft zu zeigen, dass sein Verhalten in der Heftigkeit auf gar keinen Fall angemessen war.

Er hat Bücher genannt, die man Kindern, die zu Wut neigen, geben kann. Auf seiner Homepage www.tonyattwood.com.au werden sie vorgestellt, leider sind sie bisher nur auf englisch erschienen.

Attwoods Seiten sind sehr lesenswert. Auf der Seite "Publications" findet man vieles, was er auch bei diesem Workshop erklärt hat, unter anderem auch die "Logische Verhaltenstherapie" Einige dieser "Publications" wurden mit Attwoods Genehmigung von Diana übersetzt und sind auf ihrer Homepage in deutsch zu lesen.


Dr. Tony Attwood - Foto von seiner Homepage

Tony Attwood: Die Entdeckung von Aspie

Tony Attwood: Das Muster von Fähigkeiten und Entwicklung von Mädchen mit Asperger-Syndrom

Tony Attwood: Zitate von Menschen mit Asperger-Syndrom

Tony Attwood: Interview mit Temple Grandin

(alle Artikel wurden übersetzt von Diana)


Tony Attwoods Buch "Das Asperger-Syndrom" zur Buchbeschreibung

zurück nach:

Pinnwand


letztes Update: 05.01.2005

Sitemap / no Frame